Warum Daniel Kehlmann rockt

Vermessung_der_Welt
Daniel Kehlmann, einer der hellsten Sterne am deutschsprachigen Literaturhimmel. Ein Wiener, so wie ich, obwohl er im Kollektivbewusstsein eher als Deutscher gesehen wird.
Der Mann hat sich meine Bewunderung verdient, aber das liegt nicht so sehr an seinen durchaus beachtlichen, schriftstellerischen Qualitäten, sondern an einem Verdienst, mit dem er mich an einem wunden Punkt erwischt hat.
Es geht um Helden.
Und ganz ehrlich, ich schaue mich schon lange nach ihnen um und kann sie nicht finden.
Fußballer, Schauspieler und Models, die wir teils wie Götter verehren sind für mich einfach keine Helden, tut mir leid. Sie haben manchmal ganz ansprechende Fassaden, aber was bringt das schon?
Wir heilen keinen Krebs, in dem wir sie zusehen wie Messi sein tausendstes Tor schießt und kein Mensch wird auf dem Mars spazieren, egal wie oft Heidi Klum über den Laufsteg schwebt.
Nach langem Suchen habe ich meine Helden dann doch gefunden und damit wieder zurück zu Daniel Kehlmann: in seinem Buch „Die Vermessung der Welt“ und dem darauffolgenden Kinofilm setzt er ihnen ein Denkmal. Wir haben die selben Helden, Daniel Kehlmann und ich:
Wissenschaftler.
In seinem Roman erhebt er sie zu Helden. Realen Helden, über deren Marotten und soziale Unbeholfenheit man oft schmunzeln muss. Das hat mich berührt, schließlich habe ich während meines Doktorats viele Wissenschaftler kennengelernt, die im Stillen daran arbeiten, dass wir längere und glücklichere Leben führen. Die meisten von ihnen sind nicht sexy und ein Versuch mit der selben Leidenschaft in die Kamera zu schauen wie George Clooney würde nur zum Lachen anregen.
Ohne zu wissen, ob irgendwelche Fördertöpfe ihre Jobs im nächsten Jahr noch weiterfinanzieren, arbeiten sie oft 70 oder 80 Stunden die Woche für weniger Geld als die meisten von uns. Viele von ihnen sind besondere Menschen, begeistert von dem, was sie machen. Ich erinnere mich an meinen Freund Shankar, den ich eines Morgens so geknickt im Labor vorfand, als hätte die Liebe seines Lebens ihn zurückgewiesen. Normalerweise war Shankar immer gut gelaunt, Feuer und Flamme für seine Arbeit und hatte das Talent in allem, was er tat, etwas Magisches zu sehen. Vermutlich arbeitete ich deshalb so gern mit ihm zusammen. Aber was war an diesem Morgen passiert? Er hatte sich eine Methode zum Nachweis eines bestimmten Proteins ausgedacht – aber der Test hatte nicht funktioniert. Ich hätte wohl keinen zweiten Gedanken daran verschwendet, aber Shankar liebte seine Arbeit so sehr und war so leidenschaftlich bei der Sache, dass es ein paar Tage und viel Aufheiterung von meiner Seite brauchte, ehe er wieder mit einem strahlenden Lächeln ins Labor kam.
Jeder von uns sollte Gertrude B. Elion kennen. Ich gestehe, mir sagte der Name bis vor Kurzem nichts. Sie wurde 1918 in New York geboren und auf Fotos sieht sie aus wie eine freundliche Großmutter. Als Gertrud 15 wurde, bat sie ihr Großvater nach einem Heilmittel gegen die Krankheit zu suchen, die er nicht überleben würde – Krebs.
Gertrude nahm die Herausforderung an, doch nach ihrem Studienabschluss wollte niemand ihr eine Forschungsstelle geben, eine Frau in der Forschung? 1941 nicht gerade der Alltag. Gertrude blieb stur. Sie schlug sich als Lehrerin und Laborassistentin durch. Als solche fand sie schließlich auch Arbeit in einer New Yorker Pharma Firma, wo man ihr Talent entdeckte. Denn anstatt neue Wirkstoffe nach dem Schema „Versuch und Irrtum“ auszuprobieren, hatte Gertrude eine beinahe magische Idee: Was wenn man biochemische Unterschiede zwischen menschlichen Zellen und Pathogenen (Krankheitsverursachern) finden könnte? Man wäre in der Lage Pathogene gezielt bekämpfen zu können, ohne unsere eigenen Zellen zu schädigen.
Jeder von uns sollte Gertrude B. Elion kennen … Jeder von uns, der schon mal eine Creme gegen Fieberblasen verwendet hat, hat sich ihr Genie schon auf die Lippen geschmiert. Allopurinol, eine weitere Erfindung Gertruds, wird jedem ein Begriff sein, der schon mal mit der fürchterlichen Krankheit Gicht Bekanntschaft gemacht hat. Gertrud entwickelte neuartige Antibiotika und legte den Grundstein für eine bestimmte Anti-HIV Therapie. Mit Nelaribene erfüllte sie ihrem Großvater seinen letzten Wunsch, 6 Jahre nach Gertruds Tod kam es auf den Markt, eine Therapie gegen eine spezielle Tumorerkrankung.
Es sind Leute wie Gertrude, über die ich in meinen Büchern schreiben möchte, Leute an denen mehr dran ist, als man vermuten würde. Im Namen dieser vielen bescheidenen, humorvollen und kreativen Forscher, die ich kennengelernt habe, im Namen aller Shankars, Gertrudes und einem Heer an Namenlosen sage ich danke, Daniel Kehlmann, danke, dass du zwei ganz Großen unter ihnen und damit der Wissenschaft als solcher, ein Denkmal gesetzt hast.

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